Die verlorenen Kinder

Nun haben sie wieder Schule – drei Tage in der Woche – nach 8 Wochen Zwangsferien. Da sitzen sie im Abstand voneinander und vom Lernen. Acht lange Wochen, die sie vor dem Computer verbracht haben, ihn aber nicht zum „Homeschooling“, sondern zum Spielen oder für andere Beschäftigungen verwendet haben. „Ich weiß, dass er immer vor seinem Computer sitzt. Aber was soll ich denn machen?“ berichtet eine überforderte Mutter eines Achtklässlers dem Lehrer. Der Junge kennt sich bestens aus auf rechtsradikalen Seiten, kann Hitlers Lebenslauf auswendig aufsagen, schreibt nachts um 3 noch WhatsApp (an wen? mit welchen Inhalten? – niemand weiß es) und schläft in der Schule fast ein. Wach wird er nur, wenn es etwa um Ausländer geht…

Wer weiß, wie die Kinder in den acht Wochen ihr Leben verbracht haben, insbesondere jene Kinder, die aus dem Grundschulalter entwachsen sind? Die Lehrkräfte erfahren gegenwärtig, was sie nicht getan haben, nämlich freiwillig und selbstorganisiert lernen. Einfachste Lerninhalte aus der Zeit vor der Schulschließung sind wie weggeblasen – Corona und der Pubertät sei dank. Wie blauäugig sind denn die Bildungsverantwortlichen in den Ministerien, die glauben, man könnte nun „schrittweise“ wieder in das „normale“ schulische Lernen zurückfinden? Was glaubt der Minister, was er auslöst, wenn er festlegt, dass bis zum Schuljahresende keine Probearbeiten mehr geschrieben werden?

Und dazu kommt noch das Gerede vom „Stoff“, der nachgeholt werden soll. Acht Wochen lang haben es die verlorenen Kinder geschafft, das Homeschooling geschickt zu umgehen, und nun soll der „Stoff“ weitergehen? Da wirkt Schule wie ein Güterzug, von dem einige Wagons abgerissen sind, der aber unbeirrt weiterfährt… Das bayerische Kultusministerium ordnet nun an, dass Kinder ab dem 15.6. wochenweise abwechselnd in Gruppen zu „beschulen“ sind (KMS vom 25. Mai 2020). Damit treibt es den Prozess der Entfremdung noch weiter voran. Um in dem Bild vom Güterzug zu bleiben: nicht nur, dass die Wagons orientierungslos umherirren, nun werden auch noch die Weichen falsch gestellt. Den Kultusbehörden scheint jeglicher Bezug zur sozialen Wirklichkeit durch die Coronabrille verstellt zu sein.

Die verlorenen, weil sozial allein gelassenen Kinder brauchen jetzt keinen „Stoff“, sie brauchen Orientierung, sie müssen den sozialen Anschluss an das Schulgefüge wieder finden. Dazu brauchen sie den inneren Zugang; das ist die abgerissene Kupplung der Wagons. Schule in der jetzigen Coronaphase ist Sozialarbeit. Nach dem fatalen social distancing ist jetzt „social approaching“ angesagt.

Wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen: was aus virologischen und epidemiomlogischen Gesichtspunkten wichtig war und ist, um gesundheitliches Leid zu vermeiden, bringt auf der anderen Seite ein soziales Desaster mit sich, dessen Ausmaße wir erst in der Zukunft zu spüren bekommen werden. Die Kinder werden erwachsen – sozial distanziert, von Bildung entfernt. Die Schere der ungleichen Bildungschancen und mit ihnen der ungleichen sozialen Entwicklungschancen wird unsere Demokratie noch stark herausfordern. Wir brauchen dringend eine Bildungspolitik, die JETZT mit klugen, empathischen, interdisziplinären Konzepten auf diese Herausforderung reagiert und nicht mit den alten Schablonen aus der Zeit vor dem 16. März 2020 flickschustert und die Probleme verschlimmert.

(Gerald Klenk)

Bitte weitersagen:

1 Gedanke zu “Die verlorenen Kinder”

  1. Ja, das ist das Fatale: Kinder und Jugendliche werden nur als Schüler*innen wahrgenommen – bzw. noch enger: in ihrer Rolle als (Haupt-)Fach-Lernende. Dass Schule ein (hoffentlich demokratisch geprägter) Ort des Hineinwachsens in die Gesellschaft ist, dass sie der Persönlichkeitsentwicklung dient, durch ein Lernen von- und miteinander, diese grundlegenden Einsichten haben in den vergangenen Wochen noch mehr an Einfluss verloren als in den letzten 20 Jahren ohnehin schon in unserem test-gesteuerten Schulsystem. Die Sorge gilt dem „Stoff“, nicht den Ängsten, der sozialen Isolation, den Alltagsverarmung der jungen Menschen. Mahnungen wie unter http://gueterabwaegung-in-der-krise.de/ finden nur wenig Resonanz. Die Diskussion dreht sich um Didaktik – aber wer redet über Pädagogik?

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