Gedanken einer Mutter: Inklusion nach Corona

Christine Primbs, Mutter, Vorstand von Inklusion Bayern e.V. schreibt:

Ich habe die Seite „Danach“ auf Ihrer Website gelesen. Es ist gut, dass Sie den Blick für größere Fragen öffnen als nur für die üblichen Fragen des Alltags.

Ich würde mir aber sehr wünschen, dass wir diese Diskussion auch innerhalb eines kleineren Kreises in der Inklusionsbewegung führen, die sich die letzten Jahre intensiver mit Menschenrechtsfragen und pädagogischen Fragen der Inklusion auseinandergesetzt haben. Ich muss z.B. erschüttert feststellen, dass auch ich anfangs Sympathie für die Strategie gehegt habe, die Ausgangsbeschränkungen für die jüngeren Menschen früher aufzuheben, da ich selbst drei Kinder im Jugendalter habe. Meine ältere Tochter hat sich mit ihrem Freund auf den Hof zurückgezogen. Meine herzkranke Tochter ist rund um die Uhr bei mir. Aber mein bald 20jähriger Sohn ist fast den ganzen Tag allein in seiner Werkstatt. Wie lange soll er das durchhalten? Die Ansage Ströbeles (aufzurufen unter diesem Link) hat mich wachgerüttelt: Nein, das ist auch keine Lösung, die alten und kranken Menschen einfach ein Jahr oder länger (bis ein Impfstoff verfügbar ist?) wegzusperren und so weiterzumachen wie vorher.

Die Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie greifen tief in die Familien und in das Miteinander der Generationen ein. Sie greifen tief in den Umgang mit Menschen ein, die zur Risikogruppe zählen. Wir lesen von Umweltministern und Biologen, die davor warnen, dass das Risiko von weiteren Pandemien in Zukunft steigt, weil wir immer weiter die tropischen Regenwälder zerstören und so provozieren, dass das biologische Gleichgewicht unter den Arten aus den Fugen gerät. Wir sonnen uns gerade sehr unter dem staatlichen Schutzschirm, der suggeriert, dass man einfach diese Auszeit für die Wirtschaft überbrückt und danach alles unverändert weitergehen kann. Das ist ein Trugschluss! Es wird massive Änderungen geben, über die die Politiker nur nicht sprechen, um uns nicht noch zusätzlich zu beunruhigen.

Ich habe z.B. gerade die in der ländlichen Gegend noch vorhandenen dezentralen Strukturen immer als wichtiges Rückgrat für die Gesellschaft gesehen, auf deren Basis sich inklusive Strukturen aufbauen lassen. Denn oft sind es eher kleine, innovative Firmen, die noch familienähnlich funktionieren, die behinderten Menscheneinen inklusiven Weg eröffnen können. Diese Strukturen werden länger andauernde Betätigungsverbote nicht überleben, viele kleine Läden werden aufgeben und durch Online-Handel ersetzt werden. Ich frage mich, sind Menschen im online-Handel tatsächlich besser vor einer Infektion geschützt als in kleinen Läden auf dem Land mit einer eher niedrigen Kundenfrequenz? Da wird Wirtschaftspolitik mit der Brechstange gemacht und noch traut sich niemand, sich dagegen aufzulehnen. Aber das wird sich – muss sich ändern, wenn gerade die Menschen auf dem Land nicht noch mehr ihre Eigenständigkeit verlieren wollen.

Wir sehen gerade, dass städtische Siedlungsstrukturen viel hilfloser Gefahren wie Pandemien ausgeliefert sind, wir sehen, dass die reichsten Länder der Erde darum bangen, die Versorgungsstrukturen mit Lebensmitteln und medizinischen Gütern aufrechterhalten zu können. Erst in einer solchen Notlage denkt man plötzlich darüber nach, ob man nicht lebenswichtige Güter wieder mehr im eigenen Landproduzieren müsste. Und ist es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass unsere Bauern Angst haben müssen, dass das Gemüse auf ihren Feldern verfault, wenn nicht zehntausende Menschen aus über 1000 Kilometern Entfernung kommen, um unsere Ernte retten?

Auch Ökologen haben schon vor Jahrzehnten gefordert, dass wir regionale Wirtschafts-kreisläufe aufbauen müssen. Zum ökologischen Argument kommen nun neue Gründe, nämlich die der Versorgungssicherheit und des Gesundheitsschutzes dazu. Es gibt noch andere sehr drängende Fragen, wo bekommen wir Menschen in Zukunft genügend Wasser her, wenn wir das Klima weiter so schädigen wie bisher? Die Angst vor der Pandemie könnte nahtlos übergehen in die Angst vor der nächsten Dürre und Ernteausfälle. Wann wird das Trinkwasser für die Menschen knapp?

Die Frage nach dem Sinn der zentralistischen Heimstrukturen habe ich schon aufgeworfen. Dort gibt es derzeit massive Probleme, weil z.B. sog. geistig behinderte Menschen aus ihrem gewohnten Alltagsrhythmus geworfen werden und das große Ängste und Sinnentleerung verursacht. Unsere behinderten Kinder, mit denen wir einen inklusiven Weg gehen, geht es dagegen im Schutz der Familie manchmal sogar besser als vorher! Sieerleben weiter ihren gewohnten Alltag in der Familie mit zumutbaren Änderungen, erleben weiterhin seelische und körperliche Wärme, da wir uns als Familie als Ganzes von der Außenwelt isolieren und daher nicht Menschen der Risikogruppe innerhalb unserer Familie isolieren müssen! Vielleicht gibt es manche Champhill-Gemeinschaften, in denen behinderte Menschen auch in Zeiten der Pandemie ähnlich inklusiv weiterleben können?

Wenn es so ist, wie Bundeskanzlerin Merkel sagt, dass diese Pandemie 2 bis 3 Jahre dauer wird und ja auch weiterhin das Risiko besteht, dass immer wieder Infektionscluster durch Einreisende aus aller Welt entstehen, wird uns dieses Thema noch viel länger begleiten, als sich das derzeit viele vorstellen können. Wir müssen daher Visionen entwickeln, die weitergehen als die trügerische Hoffnung, dass der ganze Spuk in 4-6 Wochen vorbei ist.

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